Ökobaumeister Biber – Motor für Biodiversität und naturnahe Wasserrückhaltung

BN-Kreisvorsitzender Reinhard Scheuerlein, Vorstandsmitglied Herbert Schlicht und Bibermanager Horst Schwemmer zeigen bei einem Ortstermin in einem vom Biber gestalteten Revier im Farrnbachtal die ökologische Bedeutung des Bibers auf. Das Erreichen von staatlichen Zielen wie Erhaltung der Artenvielfalt und des dezentralen Hochwasserschutzes wird nach Auffassung des BUND Naturschutz (BN) ohne das segensreiche Wirken von Bibern nicht zu verwirklichen sein.

Beim Biberbiotop an der Mühltalstraße mit Bibermanager Horst Schwemmer (links)

15.02.2019

"Biber sind unsere wichtigsten Verbündeten, um den fortschreitenden Verlust bedrohter Tier- und Pflanzenarten zu verhindern. Keine zweite Tierart schafft an Gewässern und in Auen anderen Pflanzen und Tierarten so viel Lebensraum. Vom Biber angelegte Feuchtgebiete sind wesentlich artenreicher und kostengünstiger als jedes vom Menschen angelegte Biotop. In Zeiten der Klimaveränderung ist der Wasserrückhalt durch den Biber ebenfalls unverzichtbar." fasst Reinhard Scheuerlein die Leistungen des Bibers zusammen.

Management

Biber stellen die Landnutzung in Fürth vor Herausforderungen. So wurden z.B. ausgewählte, besonders erhaltenswerte Bäume  an der Pegnitz mit Maschendrahtzaun oder speziellen Anstrichen gesichert. Die Maßnahmen haben sich bewährt. Dabei geht es um den Schutz sowohl wichtiger Bäume als auch des Bibers. Die überwiegend nachtaktiven Tiere werden von erholungssuchenden Menschen auch immer wieder beobachtet und sind ein Teil der Stadtnatur geworden. Trotzdem gilt es, die Wildtiere nicht anzulocken oder gar zu füttern, denn die sie sind wehrhaft.

Ca. 16 Biberreviere mit geschätzt 50 Tieren gibt es im Stadtgebiet von Fürth derzeit. An Rednitz, Pegnitz und Regnitz sind sie eher unauffällig, andere Reviere, wie an der Farrnbach, werden von ehrenamtlichen Biberberatern, wie Herbert Schlicht, betreut. Es entstehen z.B. im Auwald neue Lebensräume, wo Biber ihren Lebensraum aktiv, vor allem durch Dammbauaktivitäten, gestalten. Totholz ist entstanden, der Beginn neuen Lebens für zahlreiche Arten von Höhlenbrütern, Käfern oder Baumpilzen.

Dynamik im Biberrevier

Der Biber unterstützt die Renaturierung an den kleineren Gewässern wie Farrnbach und Zenn. Seine Dämme sorgen dafür, dass Wasser in der Fläche zurückgehalten wird und der Grundwasserspiegel hoch ansteht, auch wenn in Trockenzeiten die Umgebung verdorrt. Forschungen zum Wasserrückhalt, an der Hochschule Weihenstephan durchgeführt ( Prof. Dr. Volker Zahner), haben gezeigt, dass nach dem Bau von Biberdämmen die Strukturvielfalt in einem Gebiet an der Mittleren Isar erheblich gestiegen ist und sich die Zahl der Fischarten annähernd verdoppelt hat. Gerade von der Zunahme des Totholzes im Gewässer durch den Biber haben sie profitiert.

In dem Gebiet wurden von der Hochschule Weihenstephan auch die Wirkungen des Bibers auf den Wasserhaushalt untersucht: Es ließ sich nachweisen, dass die Biberteiche einen positiven Einfluss auf den Wasserhaushalt der näheren Umgebung haben (Grundwasserstand, Verdunstungsrate). Auf Initiative des BUND Naturschutz wurden Studien zu den Auswirkungen auf die Wasserrückhaltung, die Verdunstung, die Versickerung, den dezentralen Hochwasserschutz von der Hochschule Weihenstephan durchgeführt. Horst Schwemmer, Bibermanager für Nordbayern: „Biberfeuchtgebiete können in Bächen das Wasser länger halten. So kann dezentral bedeutend länger Wasser angestaut werden und in der Fläche verbleiben. Ein Beitrag zur Vernässung als Feuchtbiotop und zum Pflanzenwachstum“.

Biber als „Baumeister“ für die Artenvielfalt an Gewässern

Untersuchungen in Mittelfranken, an der Isar, in der Rhön und in der Eifel belegen, dass die Fauna und Flora deutlich und schnell von der Auenrevitalisierung profitieren, die durch die Tätigkeiten des größten europäischen Nagetieres in Gang gebracht wird,. In Mittelfranken wurden für insgesamt 73 wertgebende Tier- und Pflanzenarten positive Effekte der Biberaktivität nachgewiesen. Diese positiven Effekte wirken solange die Bibertätigkeit anhält.

Zahlreiche besonders anspruchsvolle Tierarten wie Wasserralle, Eisvogel, Laubfrosch, Elritze, Grüne Keiljungfer, Schwarze Heidelibelle und Kleine Pechlibelle nutzen ganz gezielt durch die Biberaktivität neu entstandene bzw. renaturierte Lebensräume. Von besonderer Bedeutung sind dabei struktur- und pflanzenreiche Flachgewässer, die Auflichtung und Strukturierung dichter Ufer- und Auengehölze, das durch Biber erheblich gesteigerte Totholzangebot im und am Wasser, aber auch neu entstandene naturnahe Weidengebüsche und zahlreiche vegetationsfreie Stellen an Dämmen, Transportgräben und Ausstiegen der Biber. Die Biberaktivitäten schaffen ein kleinräumiges, permanentes Nebeneinander unterschiedlicher offener und zugewachsener Bereiche und ermöglichen damit sowohl Pionierarten als auch Bewohnern reiferer Gewässer das Überleben.

Für die Nahrungsketten und für die typischen Lebensräume besonders wichtige Arten (Grasfrosch, Grünfrösche, diverse Heide- und Kleinlibellen; Röhrichtbrüter) entwickeln in den vom Biber umgestalteten Bereichen große Populationen. An Waldbächen hat sich durch Bibereinfluss die Anzahl von Libellenarten vervielfacht, z.B. von 4 Arten vor dem Auftreten des Bibers auf 29 nach der Biber-Rückkehr. 18 der 19 in Deutschland heimischen Amphibienarten, gut die Hälfte der in Deutschland heimischen Libellen und 116 Vogelarten konnten bislang in Biberteichen nachgewiesen werden und finden dort mit die besten Fortpflanzungsmöglichkeiten überhaupt in der Landschaft. Überdies schaffen Biberaktivitäten einen idealen Biotopverbund entlang von Gewässern, der auch anspruchsvollen Tierarten Korridore eröffnet.

Fische profitieren vom Biber durch Totholz im Wasser, durch zusätzliche Laichplätze, Verstecke und mehr Nahrung. So wurde an Biberdämmen eine fünffach höhere Dichte an Insekten als in der offenen Wasserfläche gefunden. An Biberburgen wurde eine gegenüber dem restlichen Gewässer 80-fach erhöhte Fischdichte festgestellt. In einem Bach bei Freising wurde nach Einwandern des Bibers eine Verdoppelung der Fischartenzahl von 9 auf 18 registriert. Untersuchungen des Landesfischereiverbandes Bayern zeigten, dass sich in einem Bachabschnitt ohne Biber 20 Bachforellen pro km, mit Biber aber 120 Bachforellen pro km befanden.

Bei allen untersuchten Tiergruppen war ein schneller Anstieg der Artenvielfalt und der Bestandsdichte festzustellen. Der Biber hat einen enormen Nutzen für die Erhaltung und Förderung der Biodiversität und ist eine „Schlüsselart“ für die Artenvielfalt der Gewässerökosysteme!

Das Bauen von Biberdämmen erbringt nicht nur aus naturschutzfachlicher, sondern auch aus wasserwirtschaftlicher Sicht wertvolle Revitalisierungsleistungen: die Förderung der Ausbreitung ufertypischer Gehölze sowie die Neuschaffung von Stillgewässern, Flachwasserzonen und Kleinbächen führen zu erheblicher Abflussverzögerung, schaffen zusätzlichen Rückhalteraum bei Hochwässern und verbessern die Selbstreinigungskraft und Wasserqualität der Fließgewässer.

Nur Biber schaffen es, eine große Vielfalt von Gewässerstrukturen herzustellen und auch dauerhaft aufrechtzuerhalten. Sie sind als Baumeister und Haus-meister zugleich jederzeit am Gewässer präsent und schaffen laufend Biotopgestaltungen, die in dieser Weise auch durch aufwändigste menschliche  Tätigkeit nicht möglich und sicher unbezahlbar wären. Die Artenfülle an Gewässern kann sich deshalb nur dort entfalten, wo Biber als seit Millionen von Jahren wirksamer Schlüsselfaktor ihre ganzen Fähigkeiten einsetzen dürfen.

„Die Verengung der öffentlichen Diskussion beim Biber auf monetäre "Schäden" in der Landwirtschaft und bei der Anpassung menschlicher Nutzungen verkennt völlig die Leistungen und Vorteile gerade dieser Tierart für den Naturhaushalt und andere gefährdete Arten“, so Reinhard Scheuerlein, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Fürth-Stadt.  „Aber auch die viel höheren wirtschaftlichen Vorteile für den Menschen, wenn der  Biber kostenlose Renaturierungsleistungen mit verbesserter Wasserqualität und verstärktem Wasserrückhalt schafft. Damit ist dieser wirtschaftliche Vorteil in Bayern wohl um den Faktor 70 größer als die einzelnen Schäden bei Land-, Forst- oder Teichwirten.